So ein Chorkind hat es schwer

So ein Chorkind hat es schwer! In diesem Beitrag erfahrt ihr, warum die Menschengattung „Chorkind“ unserer Fürsorge und Aufmerksamkeit bedarf:

Doch zunächst sei eine Begriffsklärungen erlaubt:

Chorkind: Ein Mensch, der das dringende Bedürfnis verspürt, gemeinsam mit anderen Menschen zu singen. Manchmal weiß er nicht genau, was er tut, aber Hauptsache, er ist umgeben von Gleichgesinnten, die entweder genauso ahnungslos sind oder über ein durch Erfahrungen angesammeltes (Halb-)Wissen verfügen. Stets angestrebtes Ziel eines Chorkindes ist das Zufriedenstellen eines willkürlichen Publikums durch akribischen Produziern von Tönen in Kombination mit muskulärer Bewegung des Mund-und Kieferapparates. Das gelingt wiederum nur durch harte und zeitaufwändige Probenarbeit. Selbstgeißelung ist einem Chorkind nicht fremd.

Wie sieht nun das Leben eines Chorkindes aus?

Viele Jahre lang, in einigen Fällen bereits seit frühester Kindheit, quält sich ein Chorkind mit dem Wissen, eine für Gesang ganz brauchbare Stimme zu haben. Doch was soll es mit dieser Gewissheit anstellen? Damit steht das Chorkind vor der ersten Reifeprüfung seines Lebens: die unermüdliche Suche nach Gleichgesinnten und die Aufnahme in deren Gemeinschaft, dem Chor. Mit der Suche nach dem passenden Chor beginnt nun der lange Leidensweg eines Chorkindes. Glücklicherweise bietet die moderne Gesellschaft mit dem Internet eine gute Möglichkeit zur Recherche und Kontaktaufnahme. Nach zahllosen Mails, Absagen und Einladungen zu Schnupperproben muss sich das Chorkind entscheiden, welche Gemeinschaft am Besten zu ihm passt. Dabei geht es nicht nur um das Musikgenre. Es gilt auch, den Grad an Sympathie auszuloten, der in der Gemeinschaft herrscht und dem neuen Chorkind entgegengebracht wird. In den kommenden Proben heißt es also nicht nur, Noten und Texte zu lernen, sondern sich auch Regeln der Gemeinschaft zu unterwerfen ohne einzelne individuelle Besonderheiten diverser Chorkinder innerhalb des Chores außer Acht zu lassen. Dieser Herausforderung ist nicht jedes Chorkind gewachsen. Wer dem Druck nicht standhält, sieht sich gezwungen, die Gemeinschaft wieder zu verlassen. Sollte es einem Chorkind nicht gelingen, eine Gemeinschaft zu finden, so fristet es entweder sein Dasein in kleinen Gesangsgruppen und/oder Bands oder hört auf, als Chorkind zu existieren.

Dem Chorkind, dem es gelungen ist, sich in alle Richtungen anzupassen, darf zur Belohnung das erste Konzert mitsingen. Ein freudiges aber auch forderndes Ereignis. Neue Chorkinder erkennt das gewiefte Publikum daran, dass sie entweder ganz hinten und somit  versteckt hinter erfahrenen Chorkindern stehen, oder man ihr Gesicht nicht sehen kann, da sie sich hinter ihren Noten verstecken, um Textschwäche und Unsicherheit zu verbergen.

So lebt das Chorkind in den folgenden Jahren ein unbeschwertes und glückliches Leben in Gemeinschaft und voller Musik. Es erblüht voller Leidenschaft inmitten wohlklingender Stimmen und harmonierender Instrumentalbegleitung. Und man könnte meinen, es ist am Ziel angekommen. Doch der Leidensweg ist nicht zu Ende. Wer nicht aufpasst, infiziert sich mit einer u.U. folgenschweren Krankheit: die Chormüdigkeit. Die Wankelmütigsten erwischt es schon nach wenigen Monaten. Doch selbst das standhafteste Chorkind kann es nach vielen Jahren erwischen. Die Symptome sind Unlust, hohes Stressempfinden, schwindende Belastbarkeit, Müdigkeit. Ein infiziertes Chorkind wirkt abgeschlägen, lächelt wenig und wirkt (ist) oft abwesend. Gegen Chormüdigkeit gibt es keine Medizin. Manche Chorkinder mit einem starken Willen schaffen es mit Hilfe der Gemeinschaft, die Infektion zu überwinden. Andere bekommen Ruhe und damit eine Pause vom Chorleben verschrieben. Im schlimmsten Falle verliert der Chor wertvolle und langjährige Mitglieder; ein Verlust, der nur schwer zu verkraften ist.

Und zum Schluss eine Liebeserklärung:

Am Ende diese Beitrages ist es mir ein Bedürfnis zu gestehen, dass auch ich ein Chorkind bin. Und ich kann mir nichts anderes für mein Leben vorstellen. Diese Gemeinschaft um mich zu haben gibt einem in vielen schwierigen Situationen ein Gefühl von Sicher- und Geborgenheit. Auch ich hatte schon Phasen, die geprägt waren von Chormüdigkeit. Mit Hilfe meiner Mitsänger und Mitsängerinnen habe ich diese überwunden. Ich danke euch für 15 Jahre gegenseitige Unterstützung und Wertschätzung. Mein zweiter Familienname ist Jubilee.

Katja E.

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